Düsteres Kapitel kreativ aufgearbeitet

Folgender Artikel erschien am 05.02.2013 im Freien Wort:

Mit der Heimerziehung in der DDR beschäftigten sich Siebtklässler des Heinrich-Ehrhardt-Gymnasiums in einer Projektwoche in der Galerie im Bürgerhaus.

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Projektleiter Manfred May (l.) und Adrian Tecini lassen sich von Sarah Alyssa Friebe ihr Projekt erklären, das eine Arrestzelle in einem DDR-Heim darstellt. Die Arbeiten sollen auch im Gymnasium ausgestellt werden.
Foto: frankphoto.de

Zella-Mehlis - Eine Woche lang setzten sich Zella-Mehliser Gymnasiasten in einem Projekt mit der Heimerziehung in der DDR auseinander. Eine Woche lang versuchten sie das, was sie von Betroffenen über ihr Schicksal als Heimkinder erfuhren, künstlerisch umzusetzen. Eine Woche lang ging es für die Siebtklässler darum, sich die Ängste, Verzweiflung und die Wut der Kinder und Jugendlichen vorzustellen und diese Eindrücke mit unterschiedlichsten Materialien zum Ausdruck zu bringen. Die Ergebnisse der Projektwoche unter dem Titel "Denken in Materialien" wurden am Freitag in der Galerie im Bürgerhaus von den jungen Künstlern vorgestellt.

Die betreuenden Lehrerinnen des Gymnasiums, Marion Engelmann und Susann Wahl, waren zuvor lange auf der Suche nach einem sinnvollen Thema für eine Projektwoche gewesen. Nach einem Thema, das mehr bietet als der Unterricht, so Susann Wahl. Gemeinsam mit Bürgerhaus-Galerist Frank Rothämel entstand die Idee, ein Projekt mit Manfred May zum Thema Heimerziehung in der DDR zu gestalten. Der Künstler aus Benshausen arbeitet in der Thüringer Anlauf- und Beratungsstelle für ehemalige Heimkinder und verarbeitet die Thematik auch in seinen Werken. Die Projektwoche mit den Siebtklässlern sollte Impulse geben, erklärt Manfred May. "Impulse sowohl im künstlerischen Bereich als auch in der Auseinandersetzung mit einem düsteren Kapitel der jüngeren deutschen Geschichte."

Dazu hatte er zu Beginn der Projektwoche zwei Zeitzeugen eingeladen, die den Schülern von ihren Erlebnissen in Kinder- und Durchgangsheimen oder in Jugendwerkhöfen der DDR berichteten. Das hinterließ Spuren bei den Schülern, ging es doch um ein äußerst ernstes Thema, von dem die meisten noch nichts oder nicht viel gehört hatten.

Zeitzeugen berichteten

Ihre Eindrücke galt es im Laufe der Projektwoche kreativ umzusetzen. Manfred May sah vor allem eine Verbindung, die den Siebtklässlern diesen durchaus schwierigen Schritt erleichterte. "Das Alter ist ein Anknüpfungspunkt. Die Schüler sind etwa so alt, wie die Betroffenen waren, als sie die prägenden Erfahrungen in den Heimen gemacht haben." Das Hineinversetzen in das Fühlen des anderen sei so auf ganz andere Weise möglich als bei Erwachsenen.

Auch Adrian Tecini versuchte sich in die Lage der Kinder und Jugendlichen in DDR-Heimen hineinzufühlen. "Kein angenehmes Gefühl", gab er zu. Der 14-Jährige ist besonders für das Thema DDR-Heimkinder sensibilisiert, seine Mutter ist ebenfalls Betroffene. Ihre Erzählungen und die der Zeitzeugen nutzte er für sein Projekt und verfasste fiktive Briefe und Nachrichten von Heimkindern. Da gibt es Briefe, in denen nach der Rückkehr nach Hause gefragt, über Zustände im Heim geklagt wird. Briefe, die die heimeigene Zensur nicht überstanden. Und es gibt Briefe, die unter Aufsicht geschrieben wurden, ohne ein kritisches Wort.

Nachrichten an Freunde und Eltern hat Adrian auch erarbeitet. Kleine Zettel, die geschmuggelt werden mussten - in eine Schuhsohle gesteckt, in ein Stück Stoff eingenäht oder an einen Stein gebunden über die Mauer geworfen. Die Transportwege stellte der Schüler ebenso dar.

Beklemmende Szenen

Auch Sarah Alyssa Friebe hat sich nach den Erzählungen der Betroffenen Gedanken gemacht, was sie in ihrem Projekt umsetzen kann. "Der Bunker in einem DDR-Kinderheim" hat sie es genannt und hat eine Arrestzelle nachgebaut: Schwarz getünchte Wände, eine Holzpritsche, die Zellentür, eine nackte Glühbirne, die von der Decke baumelt, kein Fenster, kein Tageslicht, ein Kind im Trainingsanzug. Eine beklemmende Szenerie. "Die Zeitzeugen haben davon erzählt, dass sie zum Teil mehrere Tage in dunklen Bunkern verbringen mussten. Das konnte ich mir am besten vorstellen", sagt sie.

Flucht aus virtuellem Heim

Fabian Schmook hat indes ein Computerspiel konzipiert, das den Weg eines Jungen vom alltäglichen Leben im Elternhaus ins Kinderheim und in den Jugendwerkhof nachzeichnet. Die Berichte der Zeitzeugen hat er darin einfließen lassen, bis ins Detail. So gibt es für die Kinder im virtuellen Heim einheitliche Kleidung und bei Ungehorsam droht Essensentzug. In Fabians Spiel gelingt dem Jungen sogar die Flucht aus dem Jugendwerkhof. "In der Realität kam das äußerst selten vor", weiß der Schüler den Gästen zu berichten. Seine Mitschülerin Lea Seiffart hat eine Plastik mit Titel "Wege in die Freiheit" geschaffen, die nach Hilfe heischende Hände zeigt.

Trotz des Stolz' der Eltern auf die Arbeiten ihrer Kinder, trotz der Zufriedenheit der Projektleiter mit den Ergebnissen, die Stimmung im Bürgerhaus blieb doch etwas gedrückt. Zu ernst war das Thema, zu präsent waren die Erlebnisse der Betroffenen. Die Ausstellung am Freitag bildete den Abschluss einer sehr bewegenden Woche, sagte Marion Engelmann. Eine Woche, so hofft Manfred May, die nicht das Ende der Beschäftigung mit dem Thema bedeutet.

Von Caroline Berthot

Quelle: www.insuedthueringen.de